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Leseland DDR: Von Kochbücher und Giftschrankliteratur »Leseland DDR-Ausstellung«, bis 14. Oktober, in der kultur.werk.stadt Neustadt

Erstellt von Benedikt Dellert |

Ein Foto aus vergangenen Zeiten: Ein Ehepaar liegt am Strand und liest Bücher – soweit nichts Ungewöhnliches. Doch damals in der DDR war es gar nicht so einfach an Bücher zu kommen, die man auch lesen wollte und einem nicht vorgesetzt wurden. Heutzutage unvorstellbar. In der ehemaligen DDR standen die Menschen aber für viele Dinge Schlange – auch für Bücher. Auf Buchmessen wurde geschoben und gedrängelt, die Menschen stürzten sich regelrecht auf die angebotene Literatur, um auf der Jagd nach begehrten Titeln nicht leer auszugehen.

Zu sehen ist dieses Foto und viele andere in der Ausstellung „Leseland DDR“, die von der vhs Coburg Stadt und Land nach Neustadt geholt wurde und vom 30. September bis 14. Oktober in der kultur.werk.stadt zu sehen ist. Erarbeitet wurde diese Ausstellung vom Historiker und Publizisten Stefan Wolle im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Und anders als sonst bei Ausstellungen in Museen oder Galerien soll diese Ausstellung nicht exklusiv sein. Im Gegenteil, sie soll an möglichst vielen Orten möglichst vielen Menschen gezeigt werden.

Die Ausstellung lädt mit Texten, Bildern und Videos zu einer Zeitreise durch das „Leseland DDR“ ein. Sie erzählt vom Eigensinn der Menschen, die sich ihre Lektüre nicht vorschreiben lassen wollten. Menschen, die für rare Bücher Schlange standen und so manchen begehrten Titel westdeutscher Verlage heimlich in die Tasche steckten. In der DDR glaubten noch viele an die weltverändernde Macht des geschriebenen Wortes. Eben deswegen wurden Entscheidungen über Verbote und Genehmigungen von Büchern nicht selten von der obersten Führungsspitze getroffen. Einerseits habe der Staat Bücher verboten und Inhalte zensiert, andererseits auch literarische Talente gefördert. So gab es eine Ausbildungsstätte für künftige Dichter – das Literaturinstitut in Leipzig.

Der Besitz oder die Weitergabe eines Buches, das den Staatsoberen ein Dorn im Auge war und als „Gift des Klassenfeindes“ erschien, konnten in den 1970er-Jahren zu Haftstrafen führen. Daran erinnert die Ausstellung im Kapitel „Giftschrankliteratur“. Weitere Ausstellungstafeln laden die Betrachter ein in die Welt der Märchen, der DDR-Kriminalliteratur und Science-Fiction, auch als wissenschaftlich-phantastische Literatur bezeichnet.

Auch lässt die Ausstellung die Besucher in alte Kochbücher blicken. „Bestimmte Gewürze, die ich heute jederzeit nehme, die tauchen da gar nicht auf, weil die wahrscheinlich so viele Devisen gekostet haben, dass man sie nicht eingeführt hat“, sagt Rainer Eppelmann in einem der kurzen YouTube-Filme, die die Ausstellung begleiten. Der ehemalige Bürgerrechtler ist heute Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. In insgesamt 21 Video-Interviews, abrufbar via QR-Code, sprechen Zeitzeugen über die Literatur in der DDR, passend zu den jeweiligen Ausstellungsetappen.

Natürlich, ist es unmöglich, auf nur 20 Tafeln in kurzen Texten, trotz zahlreicher Fotos und abrufbarer YouTube-Videos, die ganze Vielfalt und Bandbreite von Literatur in der DDR abzubilden. Jeder Besucher, jede Besucherin wird eine Lücke finden. Lücken wie sie es sie auch damals in den DDR-Buchhandlungen gab.

Fotos: Leseland DDR